Hoch- und Tiefflug in Italien

Wir sind mittlerweile seit drei Wochen unterwegs. Recht weit gekommen sind wir noch nicht. Trotzdem fühlen sich die letzten 21 Tage wie eine halbe Ewigkeit an. Ich möchte dich in diesem Blog-Eintrag auf den neuesten Stand bringen und die Ereignisse der letzten Wochen schildern.

Nach unserer Standübernachtung am 29.10. haben wir uns auf den Weg nach Florenz gemacht. Die Fahrt dorthin war wunderschön; die große Monokulturfläche haben wir hinter uns gelassen und sind in bergigere Regionen übergegangen.

In Florenz hat unsere Freundin Mo auf uns gewartet. Zusammen sind wir durch die Stadt gestreift, die Interessen haben sich unterschieden. Während der eine nur Essen im Kopf hatte, haben die anderen die Stadt und ihre umwerfende Architektur bewundert.

Zufrieden und mit vollem Magen haben sich die Nomaden inmitten des Großstadtdschungels in ihr Schlafgemach begeben. Aufgeweckt durch die friedvolle Morgensymphonie von Klein- und Großmotoren haben wir unseren Hunger gestillt und dann hieß es schon Abschied nehmen. Zu früh gefreut – Ernstl war noch im Schlaf versunken und wollte einfach nicht aufwachen. Also mussten wir das Abschleppseil auspacken und Ernstl mitten im morgendlichen Stressverkehr quer über den Platz ziehen. Diese Aktion hat selbst Ernstl aus dem Schlaf gerufen, und wir konnten weiter.

Wir sind nach La Spezia gefahren und haben die Nacht auf einem mit Nebel umhüllten Berg verbracht. Die Fahrt hinauf war wunderschön, wir haben uns wie im Dschungel gefühlt.

Am nächsten Morgen (31.10.) sind wir aufgebrochen. Unser Ziel war Lodi, eine kleine Stadt eine Stunde entfernt von Mailand. Dort haben uns unser Freund Jack und seine Familie herzlich empfangen. Unsere Flyer und Sticker sind nicht rechtzeitig vor der Abfahrt angekommen, deshalb haben wir das Paket mit Expressversand zu Jack nach Hause geschickt und wollten nun darauf warten.

Wir haben sehr lange gewartet. 




Geparkt haben wir vor ihrem Haus in einer kleinen Wohnsiedlung. Wir standen auf einer langen Parkreihe, um uns herum war ein kleiner Park. In den sechs Tagen, die wir dort verbracht haben, ist viel passiert.

Zuerst möchte ich unseren Dank an Jack und seine Mutter aussprechen. Wir wurden herzlich empfangen, konnten Wäsche waschen, duschen, kochen, Geschirr abwaschen und generell durchgehend im Haus sein.

Als Zweites möchte ich über die Bewohner*innen der Siedlung schreiben. Schon am ersten Morgen wurden wir von den verschiedensten Personen beschenkt, und wir hatten das Gefühl, hier wirklich erwünscht zu sein. Mehr dazu im Eintrag „Menschlichkeit“.

Wir haben aber schnell gemerkt, dass sich die Ungewissheit, wann das Paket ankommt, und der gleiche Ort über so viele Tage negativ auf unsere Moral und unser Wohlbefinden auswirken.




In den Tagen des Wartens sind wir teilweise mehr, teilweise aber auch weniger zur Ruhe gekommen – ein Mix aus Entspannen und Tatendrang. Wir waren zweimal in Mailand, ein paar Mal in Lodi (der Stadt gleich neben uns) und bei einem Lost Place.


Eine weitere schöne Begegnung hatten wir mit Fabio, einem alten Freund von Jack, der am dritten Tag zu uns gestoßen ist. Seit diesem Tag waren wir oft sogar zu acht beim Camp: Jack, Fabio und Alice – drei wunderbare Seelen. Wir hatten eine sehr schöne Zeit.

Fabio ist jeden Tag mit Aperitivo vorbeigekommen. So ein großzügiger, herzensguter Mensch – immer etwas zu essen und zu trinken dabei. Es gibt so viele Menschen, viele davon haben sehr viel Geld. Teilen und großzügig sein, ohne etwas im Gegenzug zu erwarten, das können meiner Meinung nach nicht viele. Ich finde es schön, wenn Menschen teilen.

Nun folgt meine Meinung:

Wir wachsen in Österreich teilweise echt komisch auf. Gegeben wird oft nur, wenn man unmittelbar etwas zurückbekommt. Teilen und einfach nur geben aus Großzügigkeit kommt echt selten vor. Vor allem bei Menschen mit viel Geld merke ich das. Aber – nicht alle sind gleich. Weder hier noch da. Wir haben trotzdem alle gemerkt, dass wir schwer annehmen können und uns schwer tun, nichts zurückzugeben.

Dann ist das Paket endlich angekommen. Der Abschied von den gerade erst liebgewonnenen Menschen war nicht leicht. Trotzdem waren wir froh, endlich weiter in den Süden fahren zu können. Die letzten Tage waren vom Wetter her recht frisch, vernebelt, und es war generell eine hohe Luftfeuchtigkeit. Deswegen war es abends oft kalt.

Am Abend sind wir am Meer angekommen. Unser Stellplatz war gleich neben der Straße und am Strand. Der nächste Morgen war unglaublich schön. Wir haben uns einen schönen Platz ausgesucht, sind unseren Morgentätigkeiten nachgegangen, waren meditieren und sogar im Meer. Im November im Mittelmeer zu baden ist Reichtum. Im kurzen Gewand herumlaufen zu können ist Reichtum. Wärme von der Sonne ist Reichtum.

Die weiteren Stunden sind wir am Meer entlang  gefahren – eine Bucht nach der anderen, eine schöner als die andere. Teilweise aber auch erschreckend viel Industrie und vor allem extrem viel saisonbedingter Leerstand.

Aber nach jedem Hoch kommt auch ein Tief. Und das, was kommen sollte, war ein tiefes Tief. Plötzlich ist Ernstl mit Warnblinkanlage rechts rangefahren. Die Kupplung hat nicht mehr funktioniert. Wieder ruckzuck abgeschleppt, wenige Minuten später am nächstgelegenen Parkplatz.

ÖAMTC-Schutzbrief angerufen, gewartet, abgeschleppt zur nächsten Werkstatt. Während das geschehen ist, habe ich Bilder der Panne in die Signalgruppe der Gemeinschaft, in der ich wohne (Cambium), geschickt. Kurz darauf hat sich jemensch bei mir gemeldet. Ihre Familie wohnt ein paar Dörfer entfernt und hat dort eine Pension. Sie hat nachgefragt, ob wir dort unterkommen können. Und da waren wir: Villa Paradiso. Wirklich ein paradiesischer Ort.



Die Panne war am Donnerstag (6.10.). Die Werkstatt meinte, sie melden sich am Freitag. Haben sie nicht. Wir sind den Ort erkunden gegangen und weiter den Berg hinauf. Schöne, kleine Stadt – dafür überteuertes Essen. Was sonst?

Das Wochenende über haben wir weiter die Region erkundet, unseren Frust mit Amaretto erleichtert und Boccia gespielt. Natürlich hat sich die Werkstatt den Bus am Montag immer noch nicht angeschaut. Du kannst dir den Frust der Gruppe sicher gut vorstellen. Wir wollten einfach nur weiter.

Am Dienstag sind wir durch die Berge und Wälder hinauf zur Kirche gestreift. Der Ausflug hat uns sehr gut getan und uns die Köpfe durchlüftet.

Dann hat sich die Werkstatt endlich gemeldet: Die Schalthebebuchse war kaputt – zum Glück nicht das Getriebe, wie vermutet – und sehr leicht sowie schnell zu reparieren. Wir sollen am Mittwoch vorbeikommen, um alles Weitere zu besprechen.

Ah ja, ich habe vergessen zu erwähnen, dass die Werkstatt eine Delle in den Ernstl gemacht hat…




Am nächsten Tag sind wir zur Werkstatt. Die Delle hätte schlimmer sein können, und die Werkstatt meinte, wir müssen nichts zahlen – weder für die Reparatur noch für das bestellte Ersatzteil. Endlich, bald können wir weiterfahren.


Alle waren voller Vorfreude. Wir sind direkt am nächsten Morgen zur Werkstatt, haben Ernstl abgeholt. Nur hat die Schaltung nach dem unterschreiben der Dokumente und dem Abschied noch immer nicht funktioniert. Wäre auch zu schön gewesen.

Kurze Aufregung, Sprachbarriere, Hebebühne und ein paar Klopfer und Schrauber später konnten wir endlich los. Ernstl war wieder bei uns.

Zurück im Paradies haben wir unsere Sachen gepackt und uns verabschiedet. Auch hier wurden wir so herzlich empfangen und behütet. Wir durften acht Tage lang dort sein. Mona und Levin haben ein Zimmer bekommen, Leon, David und ich hatten einen wunderbaren Stellplatz mit super Aussicht.

Es war erdrückend, wieder so lange am gleichen Ort festzustecken. Dafür war es ein sehr schöner Ort. Danke, dass wir da sein durften.




Gestern (14.10.) sind wir dann los, bis kurz vor die französische Grenze. Die letzte Nacht in Italien. Lange hat es gedauert, dafür sind wir gut aufgetankt und bereit für die kommende Zeit.

Ich liege gerade in unserem Dachzelt. Wir sind in der Nähe von Cannes. Heute früh hatten wir ein paar Minuten, um den heraufziehenden Sturm und die Blitze zu bewundern. Dann ging der Schauer los und auch wir waren auf und davon. Dann endlich über die französische Grenze und weiter durchs Land bis hierher.

Wir freuen uns, endlich voranzukommen und bleiben gespannt auf alles, was vor uns liegt und noch kommen wird.

Blogeintrag von Ismael (15.10.2025)

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